Meine Verwandlung

Abêtissez-vous!
Blaise Pascal

 

Ich liege ganz leicht da. Irgendetwas hängt von mir hinten aus dem Bett hinunter zum Bücherregal, aber zugleich bin ich etwas kürzer als sonst. Ich rieche den Hund der Nachbarin. Und meinen Müll rieche ich, obwohl er doch höchstens von vorgestern sein kann. Und ich höre Dinge, die ich sonst nicht höre. Keine Ahnung, woher diese sehr hohen, aber trotzdem nicht unangenehmen Geräusche kommen.

Kurz denke ich, es müsse ein Traum sein, doch es ist keiner. Ich öffne die Augen. Ich sehe viel besser als sonst. Es ist alles heller und deutlicher. Bin ich verjüngt?

Nein. Ich springe auf und stehe auf vier Beinen auf meinem Bett. Mit meinem Schwanz werfe ich ein paar Bücher aus dem Regal. Mit meiner langen Zunge schlecke ich mir unwillkürlich, und als hätte ich es schon immer so gemacht, meine Flanke. Ich bin ein Leopard. Mein ganzer Körper ist von bräunlich-orangem Fell mit runden schwarzen Flecken bedeckt, die einen beigen Punkt umschließen. Sieht irgendwie nicht schlecht aus. Fühlt sich auch gut an auf der Zunge und auf der Nase, mit der ich mich nachdenklich und neugierig in mein Fell kuschle. Aber mein Gesicht?

Ich springe auf den Tisch. Der verrutscht ein wenig, aber wenn ich mich strecke, kann ich in dem kleinen Spiegel, der in mein Wandregal eingebaut ist, mein Gesicht sehen. Ein ganz normales Leopardengesicht. Wie eine größere, schönere, gefährlichere Hauskatze. Große grünlich-gelbe Augen habe ich. Wenn ich die Nase rümpfe, sehe ich direkt menschlich aus. Aber wenn ich den Mund, das Maul aufreiße, erschrecke ich vor meinen eigenen riesigen vier Fangzähnen. Mit einer Vorderpranke will ich die Zähne befühlen, aber dann schaue ich mir nur meine Krallen an und schlecke das Fell an meinen Füßen ab. Auch vor meinen großen, scharfen Krallen und vor meiner mächtigen Pranke hätte ich Angst, wenn sie nicht mir gehörten.

Ich springe vom Tisch. Wie behende ich bin! Es hat fürwahr sein Schönes, ein Leopard zu sein. Aber ich lege mich aufs Bett. Am liebsten würde ich mir die Decke über den Kopf ziehen, mich samt Schwanz ganz unter ihr verstecken, aber dazu bin ich wieder zu unruhig. Zum Glück sind wenigstens die Vorhänge zugezogen. Es darf mich niemand sehen. Wie sollte ich Menschen meine Situation erklären?

Trotzdem lege ich die Vorderpfoten auf das Fensterbrett, stecke den Kopf unter den Vorhang und luge aus dem Fenster. Es wird mich schon niemand sehen. Und selbst wenn mich jemand vom gegenüberliegenden Haus sähe, würde er seinen Augen nicht trauen oder glauben, ein Kind spiele mit einem lebensgroßen Stofftier.

Draußen ist ein sonniger Frühlingstag, über den tiefblauen Himmel jagen kleine weiße Wölkchen. Aber ich habe mich schon wieder in Sicherheit gebracht, schleiche durch das verdunkelte Zimmer in den Vorraum zur Eingangstür. Ich pinkle in die Ecke unter der Gegensprechanlage. Es war mir gar nicht bewusst gewesen, dass ich Harndrang verspürte, obwohl ich als Mensch nach dem Aufwachen immer aufs Klo musste. Hätte ich auch in meiner neuen Gestalt die Toilette verwenden können? Sollen? Oder urinierte ich ins Eck neben der Tür, um mein Territorium zu markieren? Folgte ich meinem neuen animalischen Instinkt?

Wieder kuschle ich mich ins Bett. Meine Krallen zerreißen den Überzug, als ich etwas ungelenk die Decke über meinen Kopf und Bauch ziehe. Als hätte ich mich ergeben oder als erwartete ich Kosungen, liege ich auf dem Rücken. Macht ein ausgewachsenes Leopardenmännchen denn so was?

Männchen? Für ein paar Momente schlägt mein Herz ganz fest und schnell. Ja, ich kann meine Geschlechtsteile sehen, ich bin ein Männchen, habe ja auch gerade eben gepinkelt wie ein Männchen. Ich bin erleichtert. Die Spezies zu wechseln ist eine Sache, aber das Geschlecht, das muss wirklich nicht sein. Ob Mensch oder Leopard, das ist eine Feinheit, solange man ein Mann ist.

Aber wo soll ich ein Leopardenweibchen hernehmen? Meine Gedanken schweifen nach Schönbrunn, nach Vorderasien und ins tiefe Afrika, doch ich muss mir diese Gedanken aus dem Kopf schlagen, denn ich habe dringendere Bedürfnisse als das Ausleben meines Geschlechtstriebes. Aber vielleicht kann ich meinen Geschlechtstrieb als Leopard gar nicht mehr ausleben, nur mehr befriedigen, und schlimmstenfalls nicht einmal das, denke ich, während ich erfolglos versuche, meinen Leopardenpenis und meine Leopardenhoden mit den Pfoten zu befühlen. Ich sehe mich schon wie ein Wilder im Urwald an einem Baum masturbieren, doch dann versuche ich es mit der Zunge, und das geht. Die feinen Unterschiede. Aber ich muss meine Gedanken auf wichtigere Dinge lenken.

Habe ich Durst? Das ist doch das primärste Bedürfnis, das Trinken. Eigentlich verspüre ich gar keinen Durst, ich muss meine Verwandlung gut hydriert überstanden haben. Harn lassen könnte ich, aber jetzt rieche ich meine eigene Markierung von der Eingangstür her sehr stark. Bestimmt können auch meine Nachbarn mit ihren verkümmerten Menschennasen meinen Harn bald riechen, aber sei’s drum. Auf meinen Ruf als Mensch brauche ich jetzt keine Rücksicht mehr zu nehmen.

Ich rieche den Hund der Nachbarin und die Nachbarin selbst, aber ich habe keinen Hunger. Die Biber am Donaukanal, die Wildschweine im Lainzer Tiergarten, die Rehe im Prater machen mir schon eher Appetit. Obwohl ich sie gar nicht rieche. Woher weiß ich eigentlich von ihrer Existenz? Offenbar von früher noch. Ob ich alles weiß und kann, was ich als Mensch wusste und konnte? Ich denke an ein paar Vokabeln in Sprachen, die ich als Mensch konnte, das geht problemlos. Denke ich aber auf Deutsch oder auf Leopardendeutsch? Oder auf Leopardisch?

Sogar als Leopard raisonniere ich. Statt zu handeln, statt zu lauern und zu jagen, liege ich unter der Decke und raisonniere, als wäre ich noch der nachdenkliche Mensch, der ich nicht mehr bin. Oder doch? Noch einmal springe ich auf den Tisch, diesmal werfe ich die Vase hinunter. Hoffentlich hat es niemand gehört. Ich schaue mich in den Spiegel. Erst jetzt fällt mir mein weiter dünner weißer Schnurrbart auf. Nein, ich bin wirklich ein Leopard. Drogen nehme ich, nahm ich auch nicht, Irrtum also ausgeschlossen.

Ich fresse die Blumen vom Boden, spucke aber die Hälfte wieder aus. Auch das Blumenwasser schlecke ich vom Boden, habe jedoch Angst, mir die Zunge an den Glassplittern zu schneiden, also gehe ich zur Abwasch und öffne mit der rechten Vorderpranke den Wasserfluss. Auch als Leopard bin ich Rechtshänder, denke ich, während das Wasser mir ins Gesicht spritzt, denn ich habe mehr Kraft in den Pranken, als ich fühle, und deshalb habe ich das Wasser voll aufgedreht. Mit Mühe drehe ich es wieder zu. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich in der Wohnung nicht verdursten werde.

Eine Runde nach der anderen drehe ich, vom Fenster zur Wohnungstür und zurück, wobei ich auf dem Hinweg über den Glasscherbenhaufen springe und auf dem Rückweg einen Bogen um den Tisch mache, um den Scherben auszuweichen. Diese immer wieder wiederholte Runde beruhigt mich, bringt mich weg vom Raisonnieren. Jetzt habe ich aber einen etwas zu kurzen Satz über den Glasscherbenhaufen gemacht und bin mit der linken Hinterpfote auf einem Splitter gelandet. Es tut nicht weh, aber ich blute ein wenig. Mein Blick fällt auf das Grüffelopflaster, das ich seit Jahren für meinen Sohn auf dem Regal habe, obwohl er fast nie bei mir ist und sich jetzt, mit sieben, auch nicht mehr so oft wehtut. Aber mit meinen Krallen werde ich mir das Pflaster nicht auf die Pfote kleben können, ich würde höchstens beim Versuch, die Pflasterdose vom Regal zu nehmen, das Regal umwerfen. Ein paar Tropfen meines Leopardenblutes fallen auf den Boden. Ich liege im Vorzimmer und lecke meine kleine Wunde.

Ich bin wohl noch ungeschickt als Leopard, muss erst richtig lernen, meinen Körper zu bewegen. Diese kleine Wohnung ist auch bestimmt nicht artgerecht. Also als Lager schon, aber nicht als Revier, nicht als ständiger ausschließlicher Aufenthaltsort. Selbst in Schönbrunn hätte ich mehr Platz. Mehr Platz, regelmäßig zu fressen und eine Leopardin. Vermute ich wenigstens. Aber ich will natürlich nicht in den Zoo. Ich will in die Freiheit. In die Natur will ich, in die freie Wildbahn.

Aber wie soll ich das anstellen? Wenn ich schon zu ungeschickt bin, die Pflasterdose zu öffnen und mir ein Grüffelopflaster auf die Pfote zu kleben, dann kann ich bestimmt nicht den Computer einschalten und leopard was tun googeln. Könnte ich die Resultate überhaupt lesen? Gregor Samsa war ein Käfer, aber konnte der lesen? Denken konnte er wie ein Mensch, wenn ich mich an Kafkas Erzählung recht erinnere, obwohl einem Käfer, auch wenn er riesig ist, bestimmt der Platz für ein ausreichend großes Zentralnervensystem fehlt. Ich frage mich sogar, wie ich es schaffe, ganz normal zu denken, obwohl ich doch ein Leopard bin und bei all meiner Stärke, Schönheit und Gefährlichkeit nicht allzu viel Platz im Kopf habe. Vielleicht ist ein Teil meines Gehirns in die Wirbelsäule oder den Bauchraum ausgelagert. Lesen kann ich jedenfalls. Duden steht auf einem Buchrücken. Die armen Menschen, brauchen ganze dicke Wälzer, damit sie korrekt kommunizieren können.

Jetzt bin ich ein Leopard, aber ein Leopard unter Menschen. Es wäre wohl zu viel verlangt, wenn ich gleich unter Leoparden sein möchte, von mir aus im Kruger Nationalpark. Was machen die Menschen mit einem Leoparden? Sie erschießen uns. Oder sie fangen uns ein. Oder sie lassen uns in Ruhe, photographieren und filmen oder chippen und erforschen uns höchstens. Sprechen müsste ich können, aber es geht nicht. Ich bringe nur ein Knurren und ein Brummen und ein Sägen hervor. Vielleicht könnte ich mit der Pfote etwas in den Sand schreiben, vielleicht Ich bin zwar jetzt ein Leopard, war aber vorher über vierzig Jahre lang ein Mensch, doch woher soll ich den Sand nehmen? Und ehe die Menschen meine Botschaft läsen, hätten sie mich womöglich schon erschossen.

Mein Zeitgefühl ist mir etwas durcheinandergeraten, aber so wie die Sonne in den Spalt zwischen dem Vorhang und dem Fenster einfällt, muss es schon gegen Mittag gehen. Demnächst wird meine Freundin anrufen. Wir telephonieren immer spätestens zu Mittag, haben telephoniert. Jetzt fühle ich zum ersten Mal schmerzlich, welchen Verlust es für mich bedeutet, kein Mensch mehr zu sein. Hätte die Natur, oder wer immer auch für meine Verwandlung verantwortlich sein mag, nicht jemand Alleinstehenden auswählen können? Wenn meine Freundin mich nicht erreicht, wird sie glauben, ich hätte mein Handy zuhause liegen lassen, wie es in der Vergangenheit schon ein paar Mal geschehen ist. Dann wird sie ihre Emails checken, denn in einem solchen Fall schreibe, schrieb ich ihr immer aus der Arbeit. Bis 20 Uhr sollte ich heute im Büro sein, und zwischen 20:30 Uhr und 20:45 Uhr sollte ich dann bei meiner Freundin eintreffen. Und spätestens ab 21 Uhr würde sie sich ernsthaft Sorgen machen, würde hierher in meine Wohnung kommen, um, ich formuliere in meinem Leopardenschädel schon wie ein Polizeiprotokoll, Nachschau zu halten. Aber sie würde mich nicht erkennen, würde sich erschrecken und davonlaufen. Und sie müsste mit ihren Kindern kommen, denn sie hätte ja niemanden, der auf sie aufpassen könnte, während sie zu mir führe, um Nachschau zu halten.

Ich darf sie nicht so erschrecken, darf sie nicht für den Rest ihres Lebens traumatisieren, weder meine Freundin noch die Kinder. Ich muss mich aus dem Staub machen. Aber wie soll ich, ohne dass mich jemand sieht, das Haus verlassen? Wie soll ich durch das Stiegenhaus zur Haustür kommen, ohne jemandem zu begegnen? Und vor allem: wie soll ich von der Haustür in die Natur kommen, ohne dass ein Mensch mich sieht und die Polizei ruft? Denn die Wiener rufen immer die Polizei, haben noch nie in ihrem Leben einen Leoparden auf der Straße gesehen, aber wissen schon, ohne dass es ihnen bewusst wäre, ohne zu wissen, dass sie es wissen, dass sie die Polizei rufen werden, sollten sie je einen sehen.

Es wird nur in der Nacht gehen. Ich muss warten, bis es dunkel wird. Zwischen meinem Haus und dem Kai steht nur ein Haus, und auf dem Kai stehen zwei Reihen Bäume, dazwischen fährt die Straßenbahn, dahinter ist der relativ große Hundeauslaufplatz und neben der U-Bahn-Station Schottenring eine Wiese, wo, glaube ich, auch ein paar Sträucher stehen, und hinter dem Hundeauslaufplatz ist dann die mehrspurige Straße, wo übrigens, gleich beim Hundeauslaufplatz, gern die Polizei steht, was sie übrigens auch auf der anderen Seite meiner Wohnung, vor dem Billa auf dem Rudolfsplatz gern tut. Aber vom Rudolfsplatz könnte ich nirgendwohin weiter fliehen, außerdem schauen dort die Anwohner, die Menschen, den ganzen Tag und die ganze Nacht aus dem Fenster, um sofort die Polizei zu rufen, wenn sich ein Obdachloser, ein Drogennutzer, ein unbefugter Hund oder gar ein Leopard zeigt. Ich werde von der Haustür nach links müssen, am besten mich von geparktem Auto zu geparktem Auto schleichen, mich nötigenfalls irgendwo beim Hundeauslauf verstecken, die mehrspurige Straße überqueren, und dann an den Donaukanal hinunterklettern. Dort beginnt dann die Freiheit, dort ist ein Grünstreifen mit jagbaren Tieren, dort muss ich mich entscheiden, ob ich nach rechts, den Donaukanal hinunter, Richtung Prater will, und weiter zur Donauinsel, in die Lobau, in die Slowakei, nach Ungarn und zur nächsten wilden Leopardenpopulation, oder nach links, den Donaukanal hinauf, Richtung Kahlenberg und Lainzer Tiergarten, in den wildreichen Wienerwald und von dort irgendwie zur nächsten Gruppe meiner Artgenossen.

Mein Handy läutet. Bestimmt ist es meine Freundin, bestimmt steht auf dem Display ihr Name und daneben leuchtet das rote Herzsymbol. Ich schaue gar nicht nach, denn das Handy liegt auf dem Regal, im Fach unter dem Spiegel, und ich will nicht wieder etwas umwerfen und Krach schlagen. Die Nachbarin geht an meiner Wohnungstür vorbei, ihr kleiner Hund knurrt, was er sonst nie tut. Die Nachbarin weist ihn schroff zurecht, doch noch im Aufzug mischt sich in das Bellen des Hundes ein Knurren. Ich gehe unbeirrt im Kreis, springe bei jeder Runde über den Glasscherbenhaufen und fühle mich zum ersten Mal, seit ich ein Leopard bin, ein wenig schlapp. Es liegt wahrscheinlich daran, dass ich nicht mit meiner Menschenfreundin reden kann. Aber was soll’s, man muss nach vorne schauen, auch und gerade als Leopard. Und was will denn eine Menschenfrau von einem Menschenmann? Zuallererst den Sex, und wenn es den nicht gibt, dann gibt es keine Beziehung. Und als Leopard kann ich schlecht eine Menschin besteigen, nicht zu reden von dem Geld, das ich heimbringen sollte und von der gesellschaftlichen Herzeigbarkeit.

Also keine Sentimentalität aufkommen lassen. Vielleicht liegt meine kurzzeitige, schon wieder verfliegende Schlappheit auch daran, dass ich unterzuckert und dehydriert bin. Schließlich habe ich seit meiner Verwandlung nichts Nennenswertes gegessen oder getrunken. Gefressen oder gesoffen. Oder vielleicht hat man als Leopard eben solche kleinen Durchhänger und ich muss mich an sie gewöhnen.

Schon aus dem Erdgeschoß höre ich den Lift und rieche die Nachbarin und den Hund. Erst als sie bei uns im Dachgeschoß heroben aussteigen, beginnt der Hund zu knurren. Fast schwingt eine gewisse Furcht in seinem Knurren mit, als wüsste er, was da für eine Katze in meiner Wohnung lauert. Am liebsten würde ich die Wohnungstür aufreißen und den Hund, so schnell, dass die Nachbarin gar nichts davon bemerkt, zu mir hereinholen und auffressen. Ich habe nämlich Hunger.

Aber wie soll ich überhaupt die Wohnungstür öffnen? Ich habe sie ja als Mensch noch verriegelt. Das Schloss selbst ist nicht versperrt, wenn es mir also gelingt, den Riegel zweimal zu drehen, brauche ich nur noch die Klinke herunterzudrücken, was kein Problem sein kann. Ich spiele mit der Tatze an der Verriegelung herum, und zumindest auf Anhieb schaffe ich es nicht, den Riegel zu drehen.

Das Fenster müsste leichter gehen. Unbedacht springe ich hinter den Vorhang und versetze mit der linken Pranke der Fensterklinke einen Hieb. Das Fenster geht auf, ist angelehnt. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn ich etwas lüfte, meine Markierung dominiert meine Behausung schon sehr. Aber zumachen werde ich das Fenster jetzt nicht mehr können, denn dazu müsste ich es mit der linken Pranke oder mit der Nase fest zudrücken und mit der rechten Pranke verriegeln und das wäre, weil das Fenster schwer schließt, zu kompliziert und würde zu lang dauern. Hoffentlich hat mich beim Aufmachen niemand gesehen.

Sowieso werde ich die Wohnung nicht durch das Fenster verlassen. Es gibt zwar unter dem Fenster eine Art Sims, der auch breit genug für mich wäre, aber ich nehme an, der gehört zur Fassade und trägt nicht. Zwar habe ich als Großkatze hoffentlich sieben Leben, aber einen Sturz aus dem Dachgeschoß will ich trotzdem nicht riskieren. Und selbst wenn ich über den Fassadensims auf das Dach meines Hauses oder eines der beiden Nachbarhäuser gelangte, was dann? Ich würde nicht heil hinunterkommen, und wenn, was aber so gut wie ausgeschlossen ist, dann in einen Hof, aus dem ich erst auf die Straße gelangen müsste.

Schon wieder läutet mein Handy. Solange ich ein Mensch war, riefen sie mich so gut wie nie an, aber kaum bin ich ein Leopard, wollen alle mit mir reden. Es kann eigentlich nur meine Freundin sein oder das Büro, falls es denn schon spät genug ist. Ich habe mich zu einem Termin nie mehr als die akzeptierten, je nachdem, mit wem man es zu tun hat, hatte, null bis ein paar Minuten verspätet und natürlich nie gänzlich auf einen vergessen, deshalb weiß ich auch nicht, ob sie mich gleich anrufen würden oder vielleicht gar nichts tun. Jedenfalls liege ich jetzt unter der Abwasch wie auf der Lauer und ein wenig auch, als versteckte ich mich vor dem Läuten des Handys.

Nur nicht zu lange raisonnieren, nur nicht zu lange lauern. Hier kommt nicht einmal eine Maus vorbei, ich muss hinaus, zumindest an den Donaukanal, um zu jagen. Aber zuerst muss ich die Tür entriegeln, damit ich am Abend, möglichst spät in der Nacht eigentlich, am besten nach Mitternacht, wenn kaum jemand auf der Straße ist, nur noch die Türklinke herunterdrücken muss, um die Wohnung zu verlassen und mich durchs Stiegenhaus auf die Straße hinunterzuschleichen. Die Haustür freilich, die Haustür werde ich auch noch öffnen müssen. Ein paar Mal hat sie am Abend schon irgendeine paranoide Hausbewohnerin zugesperrt, und was, wenn das heute wieder der Fall ist? Dann sitze ich in der Falle. Dann muss ich wieder in die Wohnung zurück und durchs Fenster entwischen. Und falls meine Freundin früher als erwartet kommt, um in meiner Wohnung Nachschau zu halten, muss ich auch durchs Fenster hinaus auf den Fassadensims und mich verstecken, muss hoffen, dass sie mich nicht sieht, falls sie aus dem Fenster schaut, oder noch besser mich auf dem Dach meines Hauses oder eines Nachbarhauses verstecken.

Ich lecke wieder Blumenwasser vom Boden und uriniere unter das Fenster. Jetzt bin ich bereit, mich mit dem Türriegel zu beschäftigen. Ich bin erfrischt und habe viel Zeit, und sollte etwas Unvorhergesehenes passieren, fliehe ich sofort durchs Fenster, selbst auf die Gefahr hin, dass ich abstürze. Nicht dass mir mein Leopardenleben nicht lieb wäre, aber besser ein toter Leopard als ein zerstörtes Menschenleben. Ich muss meinen neuen Artenegoismus offenbar erst lernen. Oder ist es mit einer beherrschten Spezies, wie wir Leoparden es leider außerhalb unserer freien Wildbahn sind, so wie mit beherrschten Menschen, etwa einfachen Soldaten oder Arbeitern, dass sie das Leben des Herrschenden, also etwa des Generals oder des Generaldirektors für wertvoller erachten als das eigene? Kuscht ein Leopard vor einem Menschen?

Ich nicht! Ich sicher nicht, ihr instinktverkümmerten Nichtsriecher, Nichtsseher, Nichtshörer! Ich warte, bis es dunkel wird, dann ab in die freie Wildbahn, tschüss Menschen! Aber der Riegel, der Riegel. Ich stehe auf den Hinterpfoten und tapse mit der linken Vorderpfote gegen den Türriegel. Ehrlich gesagt bin ich schon ein wenig müde. Aber der Riegel dreht sich nicht. So toll ist es auch wieder nicht, ein Leopard zu sein. Zumindest nicht in einer menschlichen Umgebung. Aber um dieser menschlichen Umgebung zu entkommen, muss ich diese zutiefst menschliche Aufgabe des Öffnens der Wohnungstür lösen.

Wieder gehe ich im Kreis durch die Wohnung. Meine Pfoten entspannen sich ein wenig. Sie sind nicht dazu gemacht, verriegelte Türen zu öffnen. Sie sind dazu gemacht, große Tiere zu reißen, wenn auch keine ganz großen. Ein mittleres Wildschwein sollte kein Problem für mich sein, denn mit meinem Schweif bin ich leicht zwei Meter lang, aber an einen Elephanten würde ich mich fürs erste nicht wagen, auch weil ich glaube, dass er, anders als ein Wildschwein, gar nicht gut schmeckt, und weil es in Mitteleuropa und weit darüber hinaus ja bekanntlich gar keine Elephanten in freier Wildbahn gibt. Meine verletzte Pfote spüre ich fast gar nicht mehr, wenn ich nach dem Sprung über den Scherbenhaufen auf dem Boden lande.

Der starke Geruch des Mittagessens, der durch das angelehnte Fenster zu mir dringt und den ich als Mensch nie bemerkt habe, vergeht langsam. In ihn mischt sich Kaffeeduft. Ich bekomme keinen Kaffeedurst davon, aber das durch den Küchengeruch hervorgerufene Hungergefühl bleibt. Es nützt nichts, ich muss die Tür entriegeln. Ich drücke wie zuvor den Riegel links mit der linken Tatze nach unten, gleichzeitig aber rechts mit der rechten Tatze nach oben. Tatsächlich dreht der Riegel sich um neunzig Grad und ist nun halb offen, aber ich falle mit der Nase direkt auf die Türschnalle. Es tut höllisch weh. Sollte ich mich je wieder in einen Menschen zurückverwandeln und durch irgendwelche Geschicke auf einen mir feindlich gesinnten Leoparden treffen, würde ich ihm voll in die Nase treten, dann wäre ich ihn los. Aber jetzt bin ich ein Leopard, der eine menschliche Vorrichtung überwinden muss, und ehe ich mich zu sehr in den Schmerz hineinsteigern kann, drücke ich wieder den Riegel gleichzeitig links nach unten und rechts nach oben. Wieder falle ich mit ziemlicher Wucht auf die Türschnalle, ein schneller Lerner bin ich als Leopard offenbar nicht, diesmal tut es noch höllischer weh und außerdem geht die Tür einen Spalt auf. Ich rieche Hunde und Menschen und Suppen und Fleisch, die ich als Mensch nie gerochen habe, Begierden regen sich in mir, aber ich bin geistesgegenwärtig genug, die Tür mit der Nase zuzustubsen, was mir zusätzlichen Schmerz bereitet. Ich hätte mir nicht gedacht, dass ein Leopard so wehleidig ist, aber gut. Außerdem war es wohl gar nicht meine Geistesgegenwart, die mich die Tür zustubsen ließ, sondern das tiefe Knurren des kleinen Appetithappens von Hund der Nachbarin, das mir einen Schrecken einjagte. Lächerlich.

Ich lecke Blumenwasser auf. Leopard sein ist genauso eintönig wie Mensch sein, immer muss man das Gleiche machen. Das Im-Kreis-Gehen durch die Wohnung wird mir nach ein paar Runden zu dumm. Ich lege mich unter die Abwasch.

Mein Handy läutet und ich wache auf. Draußen ist es dunkel. Ich rieche stärker als zuvor den Hund der Nachbarin, die Nachbarin, meinen alten Menschenmüll. Der Hund ist mein Nachbar, die Nachbarin ist auch meine Nachbarin. Aber irgendwie sind sie auch beide nicht Nachbarin und Nachbar, denn sie sind keine Leoparden und ich habe Hunger. Ich fresse einen Blumenstengel und lecke Blumenwasser auf.

Dunkel ist es draußen, aber durch das angelehnte Fenster dringt einiger Verkehrslärm zu mir und der Lift fährt auch alle paar Minuten. Es kann also noch nicht sehr spät sein, jedenfalls nicht Mitternacht. Vom chinesischen Restaurant gegenüber riecht es stark nach Gemüse und Suppen und Fleisch. Ich habe Hunger.

Aber ich muss mich gedulden, muss hungern und mich gedulden. Fast wünschte ich, ich wäre wieder ein Mensch, denn als Mensch musste ich mich zwar auch die meiste Zeit gedulden, aber kaum einmal hungern. Zehn Mal schlägt die Kirchenglocke, also noch zwei Stunden bis Mitternacht, wenn ich mich nicht verzählt habe. Sogar zählen kann ich als Leopard noch, aber vielleicht verlerne ich es ja bald.

Ich werde nicht müde. Als Mensch wäre ich um diese Uhrzeit langsam müde geworden, aber jetzt als Leopard werde ich immer munterer und aktiver. Ich laufe unablässig im Kreis, lecke das Blumenwasser auf, rieche am Fenster das chinesische Futter und an der Tür den Hund und die Nachbarin. Einmal springe ich noch vorsichtig auf den Tisch und schaue mich in den Spiegel, nur um mich zu vergewissern, dass ich auch tatsächlich ein Leopard bin. Meine Nase ist sehr breit, unter den Augen ist mein Kopf sehr dünn, die Schnauze dann wieder recht breit. Meine gelblich-grünen Augen geben mir etwas Nachdenkliches, fast etwas Ängstliches. Mein breiter weißer Schnurrbart hat etwas Zivilisiertes, fast etwas Manierliches.

Zweifellos bin ich ein Leopard, aber was für eine Unterart? Die südafrikanischen Leoparden unterscheiden sich bestimmt von den ostasiatischen Leoparden wie die südafrikanischen Menschen von den ostasiatischen Menschen. Bin ich ein europäischer Leopard? Vielleicht ein Donauleopard, so wie es Amurleoparden gibt? Es ist freilich unerheblich, also renne ich wieder im Kreis und schnuppere.

Ein Leopard darf nicht endlos vernünfteln, raisonniere ich. Immer feste druff. Auf und der Kuh nach. Ja, was liege ich hier schon wieder unter der Abwasch? Auf und der Kuh nach, oder wenigstens einer Wildsau, wie sie im Wienerwald doch nur darauf warten, von mir hungrigem Leoparden gerissen zu werden. Ich lecke noch einmal etwas Blumenwasser auf und springe zur Tür. Ich stehe auf den Hinterpfoten und drücke mit der linken Vorderpfote den Riegel nach unten und mit der rechten nach oben. Ich falle mit der Nase Richtung Türschnalle, kann mich aber rechtzeitig zur Seite drehen, sodass ich sie nur mit den Barthaaren streife. Ich bin ein lernfähiges Tier.

Aber der Riegel hat sich nicht gedreht. Wieder drücke ich ihn mit links nach unten, mit rechts nach oben, und noch einmal, und noch einmal. Ich wende das Prinzip von Versuch und Irrtum an, wobei der Irrtum eigentlich ausgeschlossen ist. Endlich hat der Riegel sich zweimal gedreht. Jetzt muss ich nur mehr die Schnalle herunterdrücken. Ich tapse einmal mit Pfote und Schnauze von oben auf sie drauf, und die Tür ist offen.

Als der Hund der Nachbarin anschlägt, bin ich schon am Lift vorbei und springe die Stiege hinunter, als wäre ich ein Leben lang auf vier Beinen Stiegen hinuntergesprungen. Ich bin selbst überrascht, wie ich die Pfoten in schneller Folge aufsetze, ohne zu straucheln. Der Hund im dritten Stock bellt, also vorwärts, vorwärts abwärts, denn es gibt kein Zurück, obwohl meine Wohnungstür, fällt mir ein, offensteht, und ich im allerschlimmsten Notfall doch auch zurück könnte.

Zum Glück ist es dunkel. Wenn bloß niemand aus der Wohnung tritt und Licht macht. Der Hund hat aufgehört zu bellen, er knurrt jetzt tief und leise, ernst und fast respektvoll knurrt er, und schon bin ich im zweiten, im ersten Stock. Ich rieche Wein und Schinken aus dem Lokal im Erdgeschoß, Ratten aus dem Keller.

Ich laufe am Lift vorbei und die Kellerstiege hinunter. Hinter der metallenen Kellertür sind die Ratten und Mäuse und der Moder, oder was immer es ist, was da zu mir heraufstinkt. Aber ich kauere an der Kellertür wie eine in die Ecke gedrängte Ratte. Like a cornered rat. Scheiße, lernen die Leoparden auch Englisch? Das Immer feste druff verzieh ich mir noch, denn dass es bei uns Leoparden Piefke gibt, war mir klar, aber Englisch, muss das sein? Wo es doch in England gar keine Leoparden gibt. Aber gut, überall wo wir zuhause sind, in Indien und Afrika und sonstwo, haben die Engländer die anderen Menschen beherrscht, vielleicht deshalb.

Mein Herz schlägt wieder langsamer. Sowieso muss ich wagen, also wozu mich groß aufregen? Hier kann ich nicht lange kauern, spätestens morgen wird ein Mensch in den Keller gehen wollen, dann wäre ich entdeckt. Ich muss irgendwie durch die Haustür kommen. Aber ich weiß, dass es eine schwere alte hölzerne Tür ist, die noch dazu nach innen öffnet. Wenn sie nach außen öffnete, könnte ich versuchen, die Türschnalle nach unten zu drücken und gleichzeitig mein Gewicht gegen die Tür fallen zu lassen, dann könnte ich hinaus. Da sie aber nach innen öffnet, ist meine Lage aussichtslos.

Trotzdem schleiche ich die Stiege hinauf, am Lift vorbei, zur Tür. Ich lege die Pfoten auf die Schnalle, drücke sie auch hinunter, aber ich kann die Tür nicht öffnen, es ist völlig hoffnungslos. Ich muss warten, bis ein Mensch kommt.

Wenn bloß nicht jemand von innen kommt! Wenn jemand von innen kommt, bin ich entdeckt, dann kann ich nur mehr in die Wohnung hinauflaufen und durchs Fenster entwischen. Immerhin. Ein Plan B ist das immerhin, den Menschen einfach ignorieren oder ihn niederstrecken, hinauf ins Dachgeschoß, hinein in die hoffentlich noch offene Wohnung, und ab durchs Fenster auf den Fassadensims und dann irgendwie aufs Dach und weiter.

Plan A ist natürlich, dass jemand von außen kommt, dass jemand den Schlüssel ins Schloss steckt, die Tür aufstößt und ich, sobald der Spalt breit genug für meinen schlanken Leib ist, davonrenne, notfalls den Menschen niederstreckend, sei es mit einem Prankenhieb oder einem Biss, wo ich doch ohnehin Hunger habe.

Was aber, wenn zwei Menschen kommen? Oder vier oder fünf oder ein ganzes Rudel? Es gibt ja Menschen auf der Welt wie, jetzt als Leopard kann ich auch altersschwache Metaphern verwenden, die schon vorauseilend den Gestank ihrer Verwesung verströmen, Sand am Meer. Aber hier im Haus treten sie nicht im Rudel auf, höchstens auf der Straße, wenn es, wie eben jetzt, Nacht ist und sie besoffen.

Ich muss zugeben, dass ich schon wieder in einer Ecke kauere. Scheiß Menschen. Und zwar kauere ich in der Ecke, zu der hin die Tür sich öffnet. Wenn also ein Mensch von draußen kommt, sieht er mich nicht gleich, der Überraschungseffekt ist auf meiner Seite. Was aber, wenn die Tür zufällt, ehe ich hinter dem Menschen ins Freie schlüpfen kann?

Nein, ich muss auf die andere Seite. Wenn die Tür aufgeht und der Mensch mich sieht, ist er genauso überrascht. Obwohl er mit dem Gesicht zu mir steht, während er, wenn ich von hinter der Tür komme, mir den Rücken zudreht und mich womöglich gar nicht sieht. Aber die Gefahr, dass die Tür zufällt, ehe ich draußen bin, ist mir zu groß, also kauere ich jetzt in der anderen Ecke, bereit loszusprinten, sobald die Tür aufgeht. Kauern und raisonnieren, das ist das Leopardenleben.

Ha, wenn jemand von innen kommt, macht er ja Licht! Wenn das Licht angehen sollte, laufe ich sofort zur Kellertür! Von außen kann man das Licht nämlich nicht einschalten, erst wenn man im Haus ist. Also weiß ich, was zu tun ist. Gut raisonniert, Leopard!

Menschenschritte, Hundeschritte draußen vor der Tür, aber wie sie sich nähern, so entfernen sie sich. Aus dem chinesischen Restaurant auf der anderen Straßenseite strömt Essensduft, wann immer jemand das Lokal verlässt. Die Ratten und die Mäuse und den Moder aus dem Keller rieche ich kaum mehr. Aber Autos fahren am Haus vorbei und lärmen und stinken.

Feste Frauenschritte zur Tür, der Schlüssel im Schloss dreht sich, die Tür geht auf. Die Frau macht einen Schritt ins Stiegenhaus herein, will einen zweiten machen, um die Tür ganz zu öffnen und das Licht anzumachen, doch ich starte los, berühre ihren Unterschenkel und sie fällt nieder. Ich fauche zur Frau zurück und drohe mit der Pranke. Ich beiße sie nicht, obwohl ich hungrig bin, denn ich muss hier weg und sie ist nicht mehr sehr jung und knusprig.

Ich springe zwischen zwei geparkte Autos und kauere schon wieder. Nicht dass ich menschseinsnostalgisch wäre, aber der aufrechte Gang ist des Leoparden Sache nicht, soviel ist mir jetzt klar geworden. Ein Stück weiter vorne, Richtung Tramwayschienen und Hundeauslauf, gehen Leute, ich warte, bis sie wegsind. Die Haustür ist zugefallen, die Frau, eine Hausbewohnerin, an die ich mich kaum noch erinnere, muss im Haus sein.

Ich renne einfach los. Es hätte keinen Sinn, als Leopard unauffällig sein zu wollen. Und die hingefallene Frau muss mich ohnehin gesehen haben. Vorbei am Nachbarhaus, zu den Tramschienen, über die alleegesäumte Tramtrasse, über den Fahrradweg, über den lachhaft niedrigen Zaun in den Hundeauslauf, wo ich einen menschenkniehohen Promenadenmischling, einen neuerdings so genannten Mix, mit der rechten Vorderpfote niederstrecke. Leute und Hunde flüchten vor mir. Ich beiße den Mix durchs Genick und trage ihn fort, springe mit ihm im Maul über den Zaun. Aber hier ist eine mehrspurige Straße, hier kann ich den Mix nicht fressen. Ich reiße ihm den Bauch auf und schlinge ein paar Bissen hinunter. Den Rest lasse ich liegen, denn es kommen gerade keine Autos, also renne ich über die Straße, denn es hätte sich nicht ausgezahlt, den Mix ins Gebüsch zu zerren, und ganz ohne Deckung hätte ich ihn nicht fressen können.

Es kommen schon die nächsten Autos. In Formation, wie irgendein Schwarm Vögel in der Luft oder Fische im Wasser kommen die Menschen daher in ihren lärmenden, stinkenden Blechkisten mit den hellen Vorderlichtern. Diese Leuchtkäfer sind ungenießbar. Vor allem aber sollen mich ihre Insassen nicht hier auf dem schmalen Grasstreifen zwischen der Fahrbahn und dem Geländer sehen, sonst schlagen sie Alarm und ich bin geliefert, bin ein Zooleopard, noch ehe ich weiß, wie es sich in der Freiheit lebt. Ich klettere über das Geländer, stelle mich etwas tolpatschig an, rutsche ab, ehe ich es, während die Autos fast schon bei mir sind, doch auf die andere Seite des Geländers schaffe.

Wieder kauere ich. Rechts von mir geht es ziemlich tief hinunter, vielleicht fünf Meter, jedenfalls tiefer, als ich zu springen geneigt bin. Unten ist ein Stück Wiese, dann ein asphaltierter Weg, dann, wieder ein paar Meter tiefer, das Wasser des Donaukanals. Links von mir brummen und furzen die blechernen, vorne gelb und hinten rot leuchtenden Käfer.

Ich könnte in einen der Bäume springen, die aus der Wiese wachsen, dort wäre ich gut vor den Blicken meiner Feinde geschützt und könnte auf einen geeigneten Moment warten, um den Donaukanal hinaufzuwandern. Ich schaue ja schon stromaufwärts, und stromaufwärts will ich wandern, zu den Wildschweinen im Wienerwald. Entscheidungen sind schneller zu treffen in der freien Wildbahn. Da kann man nicht ewig raisonnieren.

Nein, nicht in einen Baum springen. Neben dem Geländer zum Café schleichen, das etwa hundert Meter entfernt am Donaukanal steht. Es riecht nach Kiffe von dort her, auch weil ein Lüftchen vom Café zu mir her weht. Und das Café hat ein Flachdach, auf das will ich springen.

Links sehe ich die gelben Lichter der Menschengefährte in Formation, rechts, jenseits des Donaukanals, die roten. Sonst bemerke ich nicht viel, denn ich muss sehr vorsichtig klettern, um nicht abzustürzen. Kurz bevor ich zum Café mit dem Kiffeduft komme, sehe ich einen großen schwarzen Käfer auf einem Stein des Geländers. Ich fresse ihn. Schmeckt scheiße, so ein Käfer, da ist ein Mix noch eine Delikatesse dagegen. Schmeckt, als wäre er in einer Menschenwohnung versauert, so ein Ungeziefer, wo er aber doch sicher ein Lebewesen der freien Wildbahn war, während der Mix sein Dasein in einer Menschenwohnung fristete und seine Vorstellung von Freiheit eine Viertelstunde im Hundeauslauf zwischen Autostraße und Tramwaytrasse war.

Ich springe aufs Flachdach und schleiche mich nach vorne. Keine Leute, aber von den Laternen und der Brücke fällt Licht herunter, es ist mir hier zu hell. Ich springe auf eine Mülltonne, die den Kiffeduft überstinkt, dann auf den Asphalt und laufe davon, Richtung Brücke, den Donaukanal hinauf. Ich verstecke mich hinter einem Brückenpfeiler, kauere. Es kommen nämlich Fahrradfahrer, kleine schutzlose Leuchtgelsen, deren leises Surren mein Mitleid erregt. Ein Satz und so ein Wesen wäre erlegt. Manche leuchten aber nicht einmal, man muss also aufpassen. Es gibt sogar welche, die nur hinten rot oder nur vorne gelb leuchten, aber mich können sie so nicht aus der Fassung bringen.

Links vom asphaltierten Weg ist ein Grünstreifen; Bäume, Gras, Sträucher, dazwischen Fahrradständer, Spielplätze und so. Da laufe ich rechts. Rechts ist auch ein Grünstreifen, auch mit Bäumen und Sträuchern und Steinen und Gras, aber daneben ist nicht eine Mauer und die U-Bahn, sondern das Wasser des Donaukanals. Dort könnte ich besser fliehen als hier, aber zuerst muss ich an dem Café vorbei, das am Ufer steht. Es wirkt geschlossen, alles ist dunkel, aber es riecht noch nach Speisen und Getränken heraus.

Wenn ich eine Gefahr vernehme, verstecke ich mich in den Büschen oder springe auf einen Baum und kaue Blätter, aber meistens ist die Gefahr gar keine Gefahr. Nur Menschen wären eine Gefahr, und Menschen sind keine hier. Nicht einmal beim Eingang zur U-Bahn-Station treibt sich einer herum, aber ich wechsle vorsichtshalber trotzdem auf die andere Seite des Weges und springe über die Steine das Ufer des Donaukanals entlang. Ich erwische mit der Pranke einen Biber, beiße ihm das Genick durch, obwohl er bestimmt schon tot ist. Im Gebüsch, gut versteckt und in fast völliger Dunkelheit, fresse ich ihn in aller Ruhe auf. Kein Käfer, so ein Biber, auch kein Mix, sondern richtig lecker, wie man auch als österreichischer Leopard heute sagen muss.

Hier haben die Menschen einen zu hohen Zaun gebaut, als dass ich über ihn springen könnte. Ich wate durchs Wasser. Ich gleite mit dem ganzen Körper in den Donaukanal. Als Mensch wäre mir das zu kalt gewesen. Ich habe keine Angst, dass mich die Menschen entdecken, denn in der Nacht sind sie ja so gut wie blind. Ich sehe alles, was am Ufer vor sich geht, ganz genau. Und wie stark ich bin! Als Mensch hätte ich nie gegen die Strömung schwimmen können. Wie dumm doch jene Menschen sind, die behaupten, gegen die Strömung zu schwimmen! Was soll das für eine Strömung sein, gegen die ein Mensch ankann? In jedem Fluss kann ein Mensch nur für eine Weile sein Treiben mit der Strömung verlangsamen, aber zu den Quellen schauen und zu ihnen schwimmen, das glauben nur Schreibtischmenschen zu können, und gegen jede Meeresströmung ist ein menschlicher Schwimmer völlig machtlos. Aber ich als Leopard bin stark, ich schwimme gegen die Strömung des Donaukanals, richte meinen unglaublich scharfen Blick zu den Quellen des Donaustroms im Schwarzwald, wenn auch meine Gedanken nur bis zum Wienerwald und seinen Wildschweinen schweifen und wenn ich auch bald, als ich sehe, dass das eingezäunte Stück zu Ende ist, wieder an Land gehe.

Ich schüttle mich, kauere, lauere. Es muss jetzt schon ziemlich spät sein, denn es sind kaum Menschen, kaum Leuchtgelsen, kaum Motorkäfer unterwegs. Es ist auch ziemlich still, ich lausche dem Strömen des Donaukanals. Ich fresse ein paar Käfer, kaue Blätter dazu. Ich will ein Wildschwein.

Ich springe auf, laufe ganz leicht und mühelos dahin. Links der Grünstreifen und hinter dem Grünstreifen und hinter Gittern die U-Bahn und über der U-Bahn die Straße. Die U-Bahn fährt nicht mehr, ich höre und sehe auch von der Straße nichts. Links ein leerer Spielplatz, ein Basketballplatz, Turngeräte. Links die Auffahrt zur Friedensbrücke, die U-Bahn-Station, die nächste Abzweigung. Die würde mich auch zu den Wildschweinen führen, aber durch menschendurchwohntes Gebiet, darum laufe ich geradeaus weiter. Ein Fahrradfahrer kommt mir entgegen, ich weiche ins Gebüsch, lauere, kauere. Ein Sprung, ein Schlag mit der Pranke, ein Biss durchs Genick, und der Kerl wäre eine gute warme Wegzehrung. Aber ich darf mich nicht mit den Menschen anlegen, muss weg von ihnen. Und viel wäre an so einer surrenden Leuchtgelse ohnehin nicht dran, zäh würde sicher ihr Fleisch sein.

Links eine Mauer, die immer höher wird. Links ein Haus. Nur ein Fenster ist erleuchtet, aber rund um das Haus herum brennen viele Straßenlaternen. Der Weg teilt sich vor dem Haus, ich nehme den unteren, dunkleren. Dann wieder hinauf, das Haus und sein Licht sind hinter mir. Links eine Mauer, links noch ein Haus mit einem Geschäft, das natürlich geschlossen ist. Alle möglichen Schienen links, für U-Bahnen und sonstige Züge, auch geradeaus auf der nächsten Brücke Schienen und Oberleitungen. Und rechts immer der Donaukanal, immer der ruhige, starke Strom des Wassers des Donaukanals.

Während rechts stets der Donaukanal an mir vorbeifließt und ich gegen seine Fließrichtung hinauflaufe, ist links von mir jetzt eine mehrspurige Autostraße, deren Verkehr ebenfalls gegen meine Laufrichtung fließt. Das ist gut so, denn ich habe die Leuchtbrummkäfer immer im Blick, sehe die Fahrer und würde es bemerken, dass sie mich bemerken, ehe sie es selbst bemerken würden. Aber sie bemerken mich nicht oder bemerken wenigstens nicht, dass mich bemerken, also achte ich immer weniger auf die linke Seite, spüre nur, dass hinter der Straße und einigen Straßenzügen schon der Wald beginnen muss.

Ich laufe unter Brücken durch und an Brücken vorbei, aber nie über eine Brücke. Ich bleibe auf meiner Seite des Donaukanals. Während ich anfangs, was bestimmt meiner menschlichen Vergangenheit geschuldet war, immer neben dem asphaltierten Weg und manchmal sogar auf ihm lief, bewege ich mich jetzt durchs Gebüsch und nehme auf die menschlichen Routen kaum Rücksicht. Ich laufe über einen Parkplatz. Überall stehen Autos, die mir Deckung geben, aber ich weiß gar nicht wovor oder vor wem, denn Menschen sind hier keine.

Es ist ziemlich still. Ein Stück weiter vorne bewegt sich ein einsames starkes Licht. Es ist ein Schiff auf der Donau.

Der Donaukanal liegt jetzt hinter mir, meinem Blick öffnet sich der weite, breite Donaustrom. Er ist einem Leoparden schon viel gemäßer als der kleinliche, gezähmte, menschenwürdige Donaukanal.

Aber mein Instinkt, bestimmt mein Instinkt, mein Hunger und mein Sicherheitsbedürfnis, mein Jagd- und mein Überlebenstrieb treiben mich weg von der Donau, hinauf über Felder und Haine auf den Hügel. Aus einem Bach saufe ich. Seit dem Blumenwasser in der Menschenwohnung habe ich nichts mehr gesoffen, vom Blut des Hundes und des Bibers einmal abgesehen, muss aus irgendeinem Grund das Donaukanalwasser verschmäht haben.

Wenn ich zu einem Baum komme, kratze ich mit den Krallen Rillen in die Rinde. Dazu reibe ich meine Schnauze an ihm, und wenn wo ein Insekt krabbelt, schlecke ich es weg und schlucke es. Wahrscheinlich will ich meine Krallen für die Wildschweine schärfen, die ich demnächst, dort hinter dem Hügel schon, zu reißen gedenke. Und wahrscheinlich fördert das Reiben die Durchblutung meiner Nase, und ich kann die Beutetiere noch besser riechen.

Der menschliche Lärm weicht mit jedem Satz, den ich mache, der Euphonie des nächtlichen Waldes. Ich schleiche so leise, dass die Tiere mich kaum einmal bemerken. Außerdem muss ich annähernd geruchlos sein, oder die haben verkümmerte Riechorgane, denn selbst wenn der Wind von hinten weht, bemerken sie mich nicht. Ich jage den kleinen Tieren aber gar nicht nach, halte es nicht für der Mühe wert, sie zu erlegen, denn ich will ein Wildschwein. Hin und wieder stiebt ein kleines Pelztier davon und die Vögel stimmen ihr Gezeter an, doch ich ziehe weiter und bald ist wieder Ruhe.

Unter dem höchsten Punkt des Hügels liege ich in der Krone eines Baumes auf einem Ast. Auf dem Stamm fand ich, als ich ihn kratzte, schon Kratzspuren vor, und spürte eine Beunruhigung in mir. Ob ich schon hierwar? Ob ich im Kreis ging? Ich kletterte auf den Baum und liege jetzt auf einem Ast, der mir einen weiten Rundblick gestattet. Die Donau kann ich gar nicht mehr sehen, aber die Lichter der Stadt und, wenn ich den Blick hebe, die Sterne und den Mond.

Vorsichtshalber habe ich vor den Baum gekackt, damit ich die anderen Tiere nicht so stark rieche, aber sie mich. Ich fühle mich jetzt ganz sicher. Die Menschen sind weit weg, weit unten in Wien. Hier im Wald kann mir niemand gefährlich werden. Weil mich ja gar niemand bemerkt, weil ich ja wie geboren, wie verwandelt bin für diesen beblätterten Wald mit meinem laubgemusterten Fell, mit meinem geräuschlosen Schritt, mit meiner Kraft und Geschmeidigkeit, meinem allesdurchdringenden Blick und meinem einzigartigen Gehör und meinem feinen Geruchsinn, um den alle Tiere des Waldes und der Wüste und des Meeres und der Stadt mich beneiden. Gut, ich brauche mir ja nicht gleich den größten Hauer des Wienerwaldes als erstes Beutetier auszusuchen, aber ein mittleres Wildschwein muss dringend her. Es hilft nichts, ich muss auf die Jagd gehen.

Sicher könnte, sicher wird früher oder später auch unter diesem Baum, auf dem ich lauere, ein mittleres Wildschwein vorbeikommen, und dann müsste ich nur mit zwei, drei Sätzen nach unten springen, um es zu reißen. Ich will aber weiter, will tiefer in den Wald, will auf den nächsten Hügel und dann auf den nächsten und den nächsten, und wer weiß, vielleicht in den Nahen Osten oder sogar den Fernen Osten oder nach Afrika. Ich muss meine enthusiastische, energetische Nachtstimmung ausnützen, um weiter von der Stadt wegzukommen und um Beute zu machen. Ich schwebe fast durch den Wald, spüre meine frische Stärke und meine scharfen Sinne, weiß, dass mir hier niemand etwas anhaben kann, dass ich hier der Herr bin. Ein mittleres Wildschwein, das wäre schon was, dann vielleicht noch ein Stück weiter gen Süden oder Südosten oder jedenfalls weit weg von der Stadt, dann wohl bei Tageslicht etwas ruhen, denn ewig kann dieses Wonnegefühl der strotzenden Kraft ja nicht andauern, irgendwann wird auch ein junger, starker, geschmeidiger Leopard wie ich eine Ruhepause brauchen.

Ich stehe vor mir selber. Nein, ich bewege mich auf mich selber zu. So selbstbewusst, so stark, so elegant! Ich brülle mich an, reiße mein tödliches Maul weit auf. He, ich brülle ja gar, ich reiße mein tödliches Maul ja gar nicht weit auf. Ich bin stehengeblieben, aber ich bewege mich trotzdem auf mich zu. Ich stehe still da, aber ich strecke den Schwanz in die Höhe und reiße das Maul auf und brülle mich an. Das ist ein irrer Spiegel, ein besoffener Spiegel. Das ist gar kein Spiegel, das ist ein anderer Leopard, der mich anspringt und mir mit der Pranke über die Schnauze streicht.

Ich weiche zurück, überrascht, dass ich auch rückwärts gehen kann, und pariere einen Schlag. Der andere stürzt sich auf mich, ringt mich nieder, ich reiße mich los, er umarmt mich, umprankt mich, kratzt mich, versetzt mir einen Hieb hinters Ohr, reißt mich wieder nieder. Wir liegen da wie zwei Liebende, doch der Fremde, denn ein Männchen ist es bestimmt, das mich hier niedermachen will, bohrt mir seinen Fangzahn in den Leib. Ich kann mich losreißen, doch mir fehlt die Kraft davonzulaufen. Ich wanke ein paar Schritte und sinke zu Boden. Auch der Fremde liegt da. Er kann nicht schwer verletzt sein, denn mein Verhalten in diesem Kampf war rein defensiv. Er muss so erschöpft sein wie ich von diesem kurzen Kampf. Wie nach einem wilden Liebesspiel liegen wir da, aber hier ist keine Liebe. Bei solchen Schlägertypen, und wenn der andere einmal ein Mensch gewesen sein sollte, war er bestimmt ein primitiver Prolet mit Gewaltneigung, sind die Emotionen kaum geschieden, für die ist Liebe gleich Hass. Wenn sie keine Frau für die Nacht finden, prügeln sie sich mit Männern, ohne dass es für sie einen Unterschied machte.

Der Prolet knurrt schon wieder und richtet sich auf. Ich muss, obwohl der andere kaum größer ist als ich, um mein noch so junges Leopardenleben fürchten. Zwar könnte ich einen Kampf ebensogut gewinnen wie verlieren, aber wenn ich verlöre, wäre ich tot oder wenigstens schwerst lädiert, und wenn ich gewänne, was hätte ich davon? Ich will hier kein Territorium. Ich will höchstens ein mittleres Wildschwein und weiter gen Süden, zu einer Population meiner Artgenossen. Aber das kann ich dem anderen Leoparden nicht begreiflich machen. Ich kann es ihm nur begreiflich machen, indem ich zu fliehen versuche.

Natürlich muss ich denselben Weg zurückflüchten, auf dem ich gekommen bin, obwohl ich eigentlich weiter über den Hügel, weg von der Stadt, in den Süden will. Aber der andere verteidigt sein Territorium, für ihn ist meine Flucht keine Flucht, wenn ich nicht umkehre. Es kommt mir nahe, droht mir knurrend und prankeschwingend. Ich weiß, dass ich zäh bin, dass ich lange laufen kann, auch wenn mir die Schulter vom Hieb des anderen schmerzt. Ich laufe ein Stück den Weg zurück, den ich gekommen bin, aber bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit, sobald der andere zurückgeblieben ist und das Gelände sich dazu eignet, will ich mich nach rechts durch den dichten Wald schlagen und, knapp am Stadtrand vorbei, über den Hügel. Dann werde ich nur einen kleinen Umweg gemacht und einiges für mein Leopardenleben gelernt haben.

Vom anderen ist nichts mehr zu bemerken. Ich schlage mich ins Dickicht und mühe mich den Hügel hinauf. Irgendwoher weiß ich, dass ich ein paar Kilometer weiter muss, um in Sicherheit zu sein. Wie konnte ich die Markierungen des anderen nicht bemerken? Überall stinkt sein Urin. Seine Krallenspuren habe ich an den Bäumen sogar gesehen und nicht zu deuten gewusst. Was habe ich mir nur dabei gedacht?

Ganz klar kann ich jetzt nicht denken mit meiner schmerzenden Schulter, meiner Bisswunde neben dem Auge und meiner Kampfesmüdigkeit. Wenn mich der andere jetzt angriffe, müsste ich mich ergeben, ich könnte weder kämpfen noch fliehen. Ich schleppe mich dahin, kann meine Gedanken aber nicht abschalten. Aus einem Bach trinke ich und fühle mich frischer. Der Hunger ist verflogen. Ohnehin wäre ich in meinem Zustand keinem mittleren Wildschwein gewachsen.

Mir dämmert, was meine größte Dummheit war. Es war bestimmt nicht sehr klug von mir, mich so stark und annähernd unverwundbar im nächtlichen Wienerwald zu fühlen, aber es war nicht meine größte Dummheit. Denn meine größte Dummheit, weiß ich jetzt, war es, anzunehmen, dass ich der einzige Leopard im Wald sei, dass außer mir kein Mensch die Gattung gewechselt, dass keiner sich in einen Leoparden oder einen Puma oder einen Luchs oder sonst ein Tier verwandelt habe. Genau besehen hatte ich gar nicht angenommen, dass ich der einzige Verwandelte und der einzige Leopard sei, ich hatte eine andere Möglichkeit gar nicht in Erwägung gezogen, nicht einmal die Möglichkeit einer anderen Möglichkeit für möglich gehalten. Ich hatte mich für einzigartig gehalten, wo doch aber nichts und niemand einzigartig ist. Wo ein Leopard ist, da sind auch andere. Freilich muss irgendwann einmal ein Leopard der erste sein und irgendwann wird einmal einer der letzte sein, aber das ist ja offenbar noch lange nicht der Fall, wenn sich Menschen in Leoparden verwandeln. Bestimmt war auch der andere ein Exmensch, denn wie wäre er sonst in den so weit von unseren natürlichen Verbreitungsgebieten entfernten Wienerwald gekommen? Und wenn er kein Exmensch war, dann halt ein Exwildschwein, ein Exmix oder sonst irgendein Extier.

Ob er wirklich ein Exprolet ist, weiß ich nicht sicher. Er verteidigte sein Territorium, seinen Besitz. Das ist eigentlich eine bourgeoise Verhaltensweise. Und was ist ein Bourgeois, was ist ein Herrschender anderes als ein Prolet, ein Beherrschter, dessen Vorfahren andere Proleten, andere Beherrschte besiegt und in der Folge geknechtet haben? Und als Leopard muss er sein eigener Wachmann sein, da kann er sich nicht einen weniger privilegierten Artgenossen oder überhaupt gleich einen Wolf oder Luchs nehmen, den er dafür bezahlt. Selbst ist der Leopard.

Dafür, dass der andere ein Bourgeois ist oder wenigstens war, spricht seine Gebietswahl. Er glaubt, stadtnah leben zu können, wohingegen ich die Stadt fliehe. Vielleicht ist der andere auch nur dumm, das ist schwer zu beurteilen. Vielleicht ist ihm nicht klar, dass der ärgste Feind des Leoparden der Mensch ist. Der Leopard ist dem Leoparden ein Leopard, das ist schlimm genug und ich spüre es an Schulter und Gesicht. Aber der Mensch ist dem Leoparden ein Mensch, und deshalb fliehe ich noch viel weiter, als ich es wegen des anderen Leoparden müsste.

Zwei, drei Hügel liegen zwischen mir und dem anderen Leoparden, die Bäume hier zeigen längst keine Krallenspuren mehr, auf dem Boden liegt kein Leopardenkot. Die Stadt ist nicht zu hören noch zu sehen. Die Vögel zwitschern laut. Es tagt langsam. Ich ziehe mit meinen Krallen Rillen in die Rinde eines Baumes und kacke auf den Boden.

Ich rieche etwas, aber keine Wildschweine. Es kommt von recht weit weg, von hinter dem nächsten Hügel. Es muss Fleisch sein und, wie man auch als Austroleopard heutzutage denken muss, lecker. Da es schon langsam hell zu werden verspricht, muss ich mich ohnehin beeilen, wenigstens irgendeinen Jagderfolg zu haben, wenigstens ein kleines Tier zu erlegen.

Hinter dem Hügel liegt eine kleine Menschensiedlung, keine zehn Häuser. Ein Stück außerhalb steht ein Stall, von dort kommt der leckere Duft. Alle Schwere schwindet aus meinen Gliedern, behende wie vor der Begegnung mit dem Exproleten schleiche ich durchs hohe Gras, springe über den Zaun, luge schon in den Stall.

Schafe. Ich reiße ein paar Planken aus der Stalltür und schlüpfe durch das Loch. Die Schafe blöken. Ich erschlage das erstbeste Schaf. Ein Schaf würde mir genügen, doch das Blöken des ganzen Stalles macht mich wütend, macht mich aggressiv, macht mich wahnsinnig, denn das Blöken könnte, das Blöken wird bestimmt die Menschen aufwecken, und wenn dann der Schafbauer mit einem Gewehr kommt, bin ich in Lebensgefahr, also ist es nur vernünftig, dass ich die Schafe töte. Einem nach dem anderen versetze ich mit der Pranke einen Schlag auf den Schädel, eines nach dem anderen hört auf zu blöken. Vorsichtshalber beiße ich den ohnehin schon erschlagenen Schafen den Nacken oder, wenn sie auf dem Rücken liegen, den Hals durch. Ich schlage und beiße und schlage und beiße und schlage und beiße, bis auch das letzte Wimmern verstummt ist. Ein Lamm verschlinge ich fast auf einmal, es sind nur ein paar Happen. Von den anderen Tieren nehme ich nur die leckersten Stücke. Ich kann noch nicht lange im Stall sein, aber bestimmt bin ich ein gutes Stück schwerer und dicker. Ob ich wieder durch das Loch in der Stalltür ins Freie komme?

Ich wate durch Blut und Eingeweide, steige auf ein totes Schaf und klettere durch die Stalltür ins Freie. Die Wiesen sind in ein silbernes Morgenlicht getaucht, vor dem Waldrand steht eine Dunstschicht dicht über dem Boden. Die Sterne sind gerade am Himmel verblasst, in die Morgendämmerung mischt sich noch Mondlicht. Aus dem Wald zwitschern die Vögel, auf den Wiesen summen, surren, zirpen die Insekten. Die Menschen schlafen noch.

Mein Bauch ist sehr voll, aber ich darf mir jetzt keine Pause erlauben. Jetzt sind die Menschen hinter mir her. Vielleicht rufen die Bauern keinen Biologen und denken, ein Wolf hätte die Schafe gerissen. Aber wahrscheinlich werden sie schnell draufkommen, dass nur eine edle Katze die Schafe so kompromisslos getötet haben kann. Auch der andere Leopard muss doch Spuren hinterlassen, muss sich von etwas ernähren, kann gar nicht existieren, ohne die Aufmerksamkeit unseres einzigen Feindes zu erregen. Denn ich bin hier der Spitzenprädator, nur der Mensch mit seinen Gewehren und Hubschraubern und sonstigem Gerät kann mir etwas anhaben. Und deshalb muss ich weiter, weiter, muss hier weg. Ich muss eine ordentliche Leopardenpopulation finden, damit ich mich mit ein paar Weibchen paaren kann, damit ich meine Gene weitergeben kann.

Ich schüttle mich, und in dicken Tropfen fällt das angetrocknete Blut von meinem Fell auf den Waldboden. Weiter, weiter, weiter. Weibchen, Gene, Weibchen, Gene. In der Ferne, auf einer Lichtung zwischen zwei Hügeln weit unter mir, mache ich ein paar Wildschweine aus, aber ich ziehe weiter. Das Lammfleisch liegt mir noch etwas schwer im Magen, aber es wird lange anhalten, wird mich ein großes Stück weiterbringen zu meinen Artgenossinnen und meiner natürlichen Bestimmung.

An den Wasserstellen laufe ich vorbei. Ich bemerke jede Pfütze und jedes Rinnsal, aber ich weiß, dass die nächste Wasserstelle nicht weit ist, und also trinke ich nicht. Wenn ich zu einer Menschenstraße komme, lege ich mich am Waldrand in die Wiese oder ins Gebüsch, kaue ein paar Blätter oder Käfer, und warte. Nach einem Weilchen bin ich sicher, dass alles ruhig ist, dass kein Mensch kommt, dann springe ich schnell auf die andere Straßenseite und verschwinde im Wald.

Ich fresse Beeren, kratze Bäume, saufe Wasser. Die Helligkeit macht mich müde. Nicht die Wunde vom Fangzahn des Exproleten in meiner Schnauze, nicht die Narbe vom Splitter der Vase an meinem Fuß, nicht der weite Weg, den ich zurückgelegt habe, sondern die Helligkeit des Vormittags. Meine Pupillen ziehen sich zusammen, wollen nichts mehr sehen. Tief im Wald auf einem Nordhang steige ich auf einen Baum und suche mir einen Ast zum Schlafen.

Die Vögel, deren Geschrei meine Prozession durch den Wald begleitet, beruhigen sich. Wie wohlig das Lammfleisch mir nun im Bauch liegt. Ich döse ein. Wenn ich die Augen einen Spalt öffne, fallen sie mir in der Vormittagshelligkeit gleich wieder zu. Ich träume von der Savanne, von der ich freilich kaum eine Vorstellung habe. Jedenfalls sind dort Leopardinnen. Leoparden auch, denen ich aus dem Weg gehen muss, oder die ich, wenn sie kleiner und schwächer sind, im Kampf besiegen muss. Es sind lauter Exproleten in meinem Traum, die zu nahe an den menschlichen Siedlungen siedeln und ohnehin bald erledigt, bald erlegt sein werden. In der Savanne gibt es genug Leopardinnen, jedenfalls genug Leopardinnen für mich. Ich steige einer nach, erst ziert sie sich, dann rollt sie sich in meinem Urin und ich drücke ihr mit der Pranke den Nacken auf den Boden, während ich sie von hinten nehme. Ziemlich anthropomorph, meine Vorstellung vom Leopardensex, denke ich, als ich für ein paar Momente aufwache. Ich schlafe wieder ein, gehe gemeinsam mit meiner Leopardin auf die Jagd, bringe Futter für unsere Jungen, ziehe weiter, suche mir ein neues Territorium, eine neue Leopardin.

Im Halbschlaf geht mir allerlei Bildungsmüll durch den Kopf. Keine Ahnung, wie diese Geschichten meine Verwandlung überstanden haben und wo in meinem Leopardenkörper sie nun ihren Sitz haben. Der Typ, der von der Jagdgöttin Diana in einen Hirschen verwandelt wird, weil er sie nackt gesehen hat, Actaeon. Ich träume von Leopardinnen, Actaeon hat Diana immerhin gesehen. Aber bestimmt ist das eine orientalische Geschichte, sehen ist gleich tun. Würde mir die Göttin Diana nackt hier im Wald begegnen, ich würde sie wohl bestaunen, aber nicht mehr. Es sei denn, sie hätte Leopardengestalt. Ich wäre freilich auch dann ein Gentleman, aber entgehen lassen würde ich mir die Jagdgöttin in Leopardengestalt nicht, und dann würde sie ihre Hunde auf mich hetzen. Natürlich müsste sie mich zuerst in einen Hirschen verwandeln, denn eine Meute Hunde mache ich zu Brei, oder zumindest laufe ich ihr davon.

Mit Löwen könnte so eine Leopardendiana mich jagen. Löwen könnten mich eventuell reißen, obwohl ich viel flinker und behender und eleganter bin als ein sogenannter König der Tiere. Mir fällt die Geschichte von Pyramus und Thisbe ein, noch eine orientalische Verwandlungsgeschichte. Irgendein Baum oder Strauch verändert dauerhaft die Farbe seiner Frucht, weil das Blut des Pyramus auf sie gespritzt ist. Und warum ist es auf sie gespritzt? Weil er geglaubt hat, dass eine Löwin seine Thisbe, mit der er sich heimlich in der Nacht treffen wollte, getötet hat. Denn er hat ihren blutgetränkten Schleier gefunden und geglaubt, die Löwin habe Thisbe gerissen, wo sie doch nur Rinder gerissen hatte und mit dem rinderblutnassen Maul Thisbes Schleier, den sie auf der Flucht vor der Löwin verlor, beschnüffelt und mit Rinderblut getränkt, woraufhin Pyramus sich tötete, woraufhin Thisbe, den Sterbenden findend, sich ebenfalls tötet. Schon vor dem Islam brachten die arrangierten Ehen und die Verschleierung der Frau dem Orient also Unheil, und die Natur war so sehr auf Seiten der Liebenden, dass sie sogar eine Fruchtfarbe zu ihrem Andenken änderte. Die Löwin aber, sagt uns diese Geschichte, ist das sinnloseste und unheilvollste Tier. Aus unbegründeter Angst vor diesem ganz und gar nicht hervorragenden Wesen sterben Pyramus und Thisbe. Eine kulturell tradierte Panik vor diesen übelriechenden, faulen, angeberischen Tieren treibt sie in den Tod.

König der Tiere! Fett, faul, laut und majestätisch. Lässt die Frauen die ganze Arbeit machen, frisst aber selbst als erster. Wenn der Löwe der König ist, dann ist der Leopard der Präsident. Ein Relikt aus alten Zeiten, das sich auf ein immer kleineres Territorium zurückziehen muss, weil seine Zeit vorbei ist, das ist der Löwe. Der Löwe kann sich seiner Umgebung nicht mehr anpassen, er hat keine Zukunft. Wir Leoparden hingegen passen, wo es geht, die Umgebung an uns an, und sind uns nie zu schade, uns in unsere Umwelt einzufügen, wenn es nötig ist. In heißen Klimaten am Äquator und in der Kühle Donauösterreichs, an Meeresküsten und auf dem Kilimandscharo, im tiefsten Urwald und in den Ausläufern der Menschenstädte: überall lebt der Leopard. Der Löwe hingegen ist eine große Mimose.

Den Löwen verachte ich, aber den Tiger hasse ich. Nicht dass ich je einen gesehen hätte. Weder mit einem Löwen noch mit einem Tiger habe ich je zu tun gehabt, aber dennoch spüre ich im Kopf ein unangenehmes Knistern und Flimmern, in der Kehle Durst und in meinen sich weitgehend erholt habenden Muskeln eine Unruhe, wenn ich an diese eingebildeten Geschöpfe denke. Der Tiger ignoriert einen Leoparden genauso wie der Löwe. Er glaubt, weil er größer ist, weil er einen Elephanten erlegen kann und wir nicht, sei er etwas Besseres. Dabei ist er nur ein anpassungsunfähiges Ekelpaket, das seine Zukunft im Zoo und ein paar kleinen Reservaten hat. Ein erbärmlicher Möchtegern ist der Tiger, der außer Größe und Muskeln nichts zu bieten hat. Meine Wut ist so unbändig, dass ich vom Baum springe, an ihn pinkle und brülle. Die Vögel stimmen ihr aufgeregtes Geschrei an.

Es ist noch zu früh, zu hell, zu heiß, um meinen Marsch nach Süden fortzusetzen. Ich spüre einen leichten Schwindel im Kopf und eine Leere im Magen. Aber ein kleines Stück gehe ich Richtung Artgenossen, ein kleines Stück Weges lege ich zurück. Ich pinkle häufig und kratze mir an Bäumen die Krallen scharf. Aus einem Bach saufe ich, hasche nach einem Fisch, tauche mit den Pranken und dem Kopf unter, erwische den Fisch aber nicht. Dann klettere ich wieder auf einen Baum und ruhe.

Langsam erwache ich. Es dämmert. Ich fühle mich frischer, marschbereit. Ich verliere keine Zeit mit Markieren, pinkle weder, noch kratze ich Bäume, sondern ich dränge gen Süden, eile zu den Leopardenpopulationen.

Das kleine Getier, die ganzen Hasen und Füchse und Eichkätzchen und Dachse, bemerke ich kaum. Ich würde sie überhaupt nicht bemerken, wenn sie es nicht für nötig hielten, kreischend und reisigknarkend davonzuwieseln, wenn sie meiner ansichtig oder anhörig oder anrüchig werden. Als ob es keine Vögel gäbe, die mein Kommen leopardenwürdig ankündigen, warten sie bis auf den letzten Moment, um unbedingt meine Aufmerksamkeit zu erregen, die lästigen kleinen Geschöpfe. Dabei habe ich wirklich nur für Wildschweine Zeit.

Allerdings ist von Wildschweinen hier keine Spur. Das Land ist flacher und weniger bewaldet, ich streife durch Felder und über Wiesen. Um Bauernhöfe und kleine Menschensiedlungen mache ich einen Bogen.

Aus der Ferne höre ich ein Surren und ein Brummen, das mich anzieht. Der Wind weht auch manchmal eine verpestete Luft von der Lärmquelle zu mir her, die mir kurz den Atem nimmt. Von einer Anhöhe herunter kommen in Formation die gelb leuchtenden Lärmgelsen, während die rot leuchtenden an ihnen vorbei hinauffahren. Eine Autobahn.

Ich liege im Gras, ein paar Meter vom Pannenstreifen. Das Dröhnen und Surren und Scheppern lähmt mich. Meine Jungleopardenenergie, meine Wanderwut, mein ganzer starker Großkatzentrieb ist noch da, ich spüre ihn, aber ich kann ihn nicht aktivieren, er ist wie eingelullt, wie von einem Gift betäubt. Die Nacht ist hereingebrochen, aber der Verkehr lässt nicht nach.

Ich trotte ein Stück die Autobahn entlang, den Hügel hinauf. Aber was soll das bringen? Kurz macht das Lärmen eine Pause, es kommen gerade keine Autos, und ich spaziere über die Fahrbahn zum Mittelstreifen. Zwischen den Leitplanken kauere ich, kauere schon wieder, kauere erbärmlich. Eine Ratte klatsche ich mit der Pranke auf den Boden, es bleibt ein roter Fleck. Was soll hier auch leben außer Ratten? Ich fresse sie nicht.

Nennt es einen Selbstmordversuch, nennt es, wie ihr wollt. Ich schaue nur kurz, ob auch kein Automobil ganz nahe ist, springe über die Leitplanke, mache einen Satz über die Fahrbahn auf den Pannenstreifen, einen weiteren in den Graben, trabe weiter in den Wald und bin gerettet.

Weiter, weiter, weiter, weg von der Autobahn, weg von der tödlichen Gefahr. Egal wohin, nur weg. Durch den Wald, der Kopfschmerz lässt nach. Dass ich als Leopard einen solchen Kopfschmerz haben würde, hätte ich nicht gedacht. Als Mensch kannte ich Kopfschmerzen kaum aus eigener Erfahrung, und nun, da ich verwandelt bin, dröhnt der Autolärm in meinem Schädel fort, obwohl ich längst im Wald bin und die Autobahn schon weit hinter mir.

Ich muss schon ziemlich weit weg von Wien sein. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich schon unterwegs bin, wie lange ich schon verwandelt bin, aber ich stelle mir immerhin noch dunkel die Frage, habe also nur das Zeitgefühl eingebüßt, nicht den Begriff von Zeit, grüble also weiterhin, raisonniere. Zeit ist Weg, und Weg ist mein Heil, Weg ist das Erreichen einer Leopardenpopulation, das Leben in der mir natürlichen Umgebung, mein Glück und mein Ziel und meine Bestimmung.

Auf einer Weide stehen Kühe, sie wollen davonlaufen. Ich reiße eine schöne saftige junge Kuh, die anderen muhen und laufen davon. Ich fresse die Kuh, oder wenigstens so viel von ihr, wie ich verdrücken kann.

Es dämmert. Mit dem Rindfleisch im Bauch laufe ich durch Wiesen und Felder, schwimme durch einen Fluss, meide menschliche Siedlungen. Ich bemerke Kot, der mit bekannt vorkommt. Bin ich im Kreis gelaufen?

Nein, ein Leopard, schon wieder eine anderer Leopard. Oder derselbe. Ich komme näher, gebe zu verstehen, dass ich bloß weiter will. Es ist ein kleinerer Leopard, aber er faucht und fuchtelt und droht. Nein. Es ist gar kein Leopard. Es ist eine Leopardin. Die Energie in meinem Körper wandert aus der Brust und den Pranken in die Hoden und den Penis. Ich bedeute der Leopardin meine freundlichen, äußerst freundlichen Absichten, doch sie faucht und fuchtelt und droht noch wilder und bleckt die Zähne. So leicht will ich, darf ich, da ich doch so unverhofft auf eine Artgenossin gestoßen bin, mich nicht abwimmeln lassen, also weiche ich nur ein kleines Stück zurück, um nicht aggressiv zu wirken, und beginne mein Werben, doch jetzt wird die Leopardin richtig böse und läuft kampfbereit auf mich zu.

Ich ziehe mich zurück. Sicher eine Lesbe. Also eine Exlesbe, denn bei den Leoparden gibt es, glaube ich, keine Lesben. Aber diese Leopardin ist sicher eine verwandelte menschliche Lesbe. Oder ich bin vielleicht zum falschen Zeitpunkt gekommen. Den Östrus muss ich abwarten und wiederkommen. Aber verstehe ein Leopard die weiblichen Zyklen. Weiter gen Süden, dort gibt es hunderte junge Leopardinnen, die einen Kerl wie mich nicht verschmähen.

Ein Schuss fällt. Ich ducke mich, kauere. Nein, ich bin nicht getroffen. Es war ein leiser, gedämpfter Schuss. Die Exlesbe taumelt, fällt. Zwei Menschenmännchen gehen vorsichtig zu ihr. Mich haben sie nicht bemerkt, ich kauere, lauere hinter einem Busch im Gras.

Die Menschen reden einen österreichischen Dialekt, ich kann sie verstehen. Sie machen sich am Hals der Exlesbe zu schaffen. Ich hätte gute Lust, denn es wäre wohl meine Leopardenehrenpflicht, die Menschen zu zerreißen, doch ich beherrsche mich.

Jetzt endlich hätten sie die Leopardin erwischt, sagen sie. Die werde nicht weiterziehen, die markiere hier ihr Territorium. Aber vor irgendwas müsse sie Angst gehabt haben, sonst hätten sie sie nicht erwischt. Irgendein anderes großes Tier müsse in der Nähe sein, vielleicht auch Menschen. Oder sogar ein Leopard, der in den Süden wolle, ans Meer. Bis nach Bosnien habe ein Verwandelter es schon geschafft, aber auf dem Balkan würden alle erschossen. Jedenfalls sei das Weibchen hier jetzt gechippt und unter Kontrolle. Es werde bald wieder aufwachen und sich verteidigen können.

Die Menschen gehen zu einem Geländewagen, der keine fünfzig Meter weit geparkt steht. In meiner Erregung habe ich sie gar nicht kommen hören, nicht einmal den Wagen habe ich bemerkt. Ich schleiche davon, laufe davon, fliehe.

Im Dämmerlicht sehe ich schneebedeckte Gipfel. Ans Meer werde ich es nicht schaffen, und wozu auch, wenn der Balkan nicht zu überwinden ist? Ich muss in die Berge, muss ganz hoch hinauf, wo sonst niemand ist. Das ist die freie Wildbahn, die für mich erreichbar ist.


Version vom 1. Jänner 2015

© Kurt Leutgeb